Wähe

Beachten Sie die zusätzlichen Worterklärungen* rechts vom Text.

Flache, meist runde, Blechkuchen mit süssem oder salzigem Belag sind ein fester Bestandteil der heutigen Schweizer Esskultur und gehören zum regelmässigen Angebot der Bäckereien. Es handelt sich (vor allem im katholischen und gemischt-konfessionellen Osten) ursprünglich um eine Fastenspeise oder (vor allem im protestantischen Westen) um ein Festgebäck, welches aus teilweise mit zusätzlichen Zutaten verfeinertem Brotteig hergestellt wurde. Das Angebot ist noch heute mancherorts auf bestimmte Wochentage beschränkt und hängt insbesondere beim süssen Belag von den saisonal vorhandenen Früchten ab. Besonders beliebt ist der Belag mit Käse. In die alpinen Gebiete ist das Backwerk erst im Laufe des frühen 20. Jhs. eingedrungen.

Für den Flachkuchen sind mehrere ganz unterschiedliche, meist recht alte Bezeichnungen in Gebrauch, wobei Chueche und Wähe die flächenmässig bedeutendsten darstellen. Im Westen bis in die Innerschweiz bezeichnet Chueche den Flachkuchen (Chäschueche, Chriesichueche, Böllechueche etc.), während andernorts Kuchen, wie in der Schriftsprache, süsses Backwerk generell, vornehmlich ohne Belag meint. Der schon im Althochdeutschen* vorhandene kuohho, mit dem der engl. cake verwandt ist, ist in seiner weiteren Herkunft allerdings unklar. Es könnte sich um ein altes romanisches Lehnwort* für ein schneckenförmiges Gebäck (letztlich aus lat. cochlea 'Schnecke') handeln.

Das nördlich und östlich anschliessende Wähe (Wääje, Wääe, Wää) ist ein auf das Schwäbisch-Alemannische begrenztes Wort, das auch in Baden und im südlichen Elsass den Flachkuchen bezeichnet. Es handelt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um eine alte Ableitung vom Verb wehen, was auf das Aufgehen des Teiges bezogen sein könnte. Die Wähe, teilweise auch der Wää(e), hat sich im Laufe der Zeit insbesondere als Marktwort von Nordwesten nach Südosten ausgebreitet. Es dürfte heute von Zürich ausstrahlend einen noch grösseren Raum einnehmen als auf der Karte.

Die vor allem im Thurgau und Schaffhausen beheimateten Bildungen Tün(n)e, Tünn(e)le, und daraus verkürzt Tül(l)e, stellen Ableitungen zum Adjektiv dünn dar und bezeichnen (wie schon das althochdeutsche* Wort dunni) den Flachkuchen nach seiner äusseren Beschaffenheit. Diese und ähnliche Wortbildungen (Dünne(le), Dünnet) werden auch jenseits des Rheins und Bodensees für Flachkuchen mit Belag gebraucht und waren früher wohl in einem grösseren Raum verbreitet, wie die Nennungen südlich des Zürichsees vermuten lassen. In Appenzell und dem umgebenden St. Gallen hat sich das weit verbreitete Wort Fladen (Flade, Flaade), das zu einer indogermanischen Wurzel* für 'ausbreiten' gehört und schon in frühester Zeit ein flaches Gebäck bezeichnete, auf den belegten Flachkuchen spezialisiert. Neben Flade wird an wenigen (Appenzeller) Orten auch Zelte gebraucht, das ebenfalls ein altes, vor allem süddeutschbairisches Wort für flaches Gebäck darstellt. Die weitere Herkunft dieses Wortes, das daneben auch für kleines Zuckergebäck verwendet wurde (s. Karte 30 Bonbon), ist unklar.

Neben Chueche ist an einigen Orten im Wallis und Berner Oberland das Wort Taatere genannt worden, das ursprünglich einen vor allem mit Apfelmus belegten und mit Teigstreifen bedeckten Flachkuchen bezeichnete und dann wohl auf den ähnlichen, moderneren Flachkuchen mit Belag übertragen wurde. Die Form Taatere ist durch einen r-Verlust aus Tartere, das wiederum aus dem entlehnten Tarte abgeleitet ist, entstanden. Ebenfalls als Entlehnung ist Turte (auch Tuurte, Turta, Tuärtu) einzuordnen, das aus dem italienischen Wort torta (mit Hebung* des Vokals zu u), aus franz. tourte oder aus bündnerrom. tuorta entstanden sein kann. Diese Wörter gehen wie das hochdeutsche Torte alle auf lat. torquēre 'drehen' zurück, wozu das Substantiv torta 'gedrehtes Gebäck' gebildet wurde. Dieses verwendete man dann vor allem für verschiedenste feine Gebäcke, dabei eben auch für den Flachkuchen. Eine auf Graubünden beschränkte Entlehnung ist die Pitte. Sie geht auf das lokale bündnerrom. pitta zurück, das einen flachen Brotkuchen bezeichnet, und wurde behelfsmässig auf den (zunächst noch wenig bekannten) ähnlichen, belegten Flachkuchen übertragen.

Patsch und Tatsch sind lautmalerischen Ursprungs und für verschiedene flache Speisen (Pfannkuchen o. Ä.) gebraucht. Dieser Ursprung liegt auch dem bayrischen Zwetschgendatschi zugrunde. EG